Aktuelles aus der Gemeinde: Denkendorf

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Gemeinde Denkendorf lehnt neue Flugroute ab

Lärmschutz der Bürgerinnen und Bürger im Fokus

Aufgrund der Betroffenheit des ganzen Ortes wird dieser Beitrag von letzter Woche erneut veröffentlicht, da der Gemeindeanzeiger diese Woche kostenlos allen Haushalten zugeht. Lufthansa und Eurowings möchten eine neue Flugroute einrichten, von der neue Bereiche Denkendorfs deutlich stärker betroffen sind als bislang. Dies lehnt die Gemeinde Denkendorf in der Fluglärmkommission ab. Das haben Gemeinderat und Bürgermeister am Montag einstimmig beschlossen. So soll eine weitere Lärmbelastung für die Denkendorfer Bürgerschaft vermieden werden. Letztlich wird jedoch in der Fluglärmkommission am 2. November darüber entschieden, Denkendorf hat nur eine von 15 Stimmen und hofft auf Solidarität.

Bürgermeister und Gemeinderat geschlossen gegen neue Flugroute

Knapp 50 Bürgerinnen und Bürger, darunter Engagierte aus der ehemaligen Bürgerinitiative gegen Lärm, kamen am Montag in die Gemeinderatssitzung: Das Thema Lärmschutz in Verbindung mit einer neuen Flugroute stand auf der Agenda. Im Rahmen der Bürgerfragestunde haben mehrere Bürgerinnen und Bürger Kritik an dem Vorhaben geäußert und Fragen dazu gestellt. Beantwortet wurden die Fragen teilweise von Vertretern der Lufthansa und Eurowings, die das Vorhaben für eine neue Flugroute erläuterten. Sowohl Bürgermeister Ralf Barth als auch die Fraktionsvorsitzenden aller im Gemeinderat vertretenen Fraktionen sprachen sich nach einer ausführlichen Beratung gegen die neue Flugroute aus. Damit wird die Gemeinde Denkendorf in der Fluglärmkommission gegen das Vorhaben stimmen.

Bemühungen gegen Fluglärm in Denkendorf

Der Gemeinde Denkendorf ist die Sicherung der Lebens- und Wohnqualität aufgrund der Nähe zum Flughafen Stuttgart seit Jahrzehnten ein wichtiges Anliegen – trotzdem, dass sich die Gemeinde bewusst ist, dass der Flughafen vielen als Arbeitsgeber dient. Durch die Vertretung in der Fluglärmkommission und auch die gemeinsamen Erfolge der Bürgerinitiative gegen Lärm in Denkendorf e.V., der Verwaltung und des Gemeinderats konnten in den vergangenen Jahren einige Verschlechterungen verhindert und auch Verbesserungen erzielt werden.

Mehr Betroffenheit in Denkendorf durch geplante Änderung

Bürgermeister Ralf Barth erläutert im Rahmen seiner Stellungnahme zunächst die angegebenen Ziele der Änderung der Flugroute seitens der Fluggesellschaften: Reduktion der von Fluglärm Betroffenen, Maximierung der Flugsicherheit, Schutz von Naturschutzgebieten sowie Treibstoffkosten und CO2-Emissionen reduzieren. „All diese Ziele können nach Auffassung der Verwaltung in Denkendorf nicht realisiert werden. So wird es in Denkendorf nachher mehr Betroffene von Fluglärm geben. Betroffene, die bereits heute beispielsweise durch den Lärm der Autobahn oder des Verkehrs innerorts bereits sehr stark betroffen sind. Zudem erwarten wir durch die künftige ICE-Trasse eine weitere Lärmquelle. Bei einer Flugquote von 17 Abflügen in einer Betriebsstunde gäbe es durch die neue Route nach heutigem Berechnungsstand etwa drei Lärmpausen. Die Einzelschallereignisse bleiben jedoch für die gesamte Gemeinde bestehen“, erläuterte und betonte Bürgermeister Ralf Barth. Außerdem könne man nach Aussagen erfahrener Piloten nicht davon ausgehen, dass die neue Route eingehalten wird, auch mit neuem GPS-System.

Sollte es Abweichungen von der Route geben, würde Denkendorf in einer Höhe von 700 Metern direkt überflogen werden, was eine deutliche Mehrbelastung für große Teile des Ortes mit sich bringt. Weiterhin befragte der Verwaltungschef im Vorfeld der Sitzung unabhängige Quellen, die davon ausgehen, dass der engere Kurvenradius der geplanten neuen Route nur schwer zu fliegen sei und entsprechend schwierig umzusetzen ist. In Aussicht gestellt werde eine geringfügige Entlastung des Oberdorfs, dafür eine deutlich höhere Belastung des Unterdorfs.

Auch die Aufopferung des Naturschutzgebietes Sauhag sieht er nicht als Vorteil an: Hier würde ein Naturschutzgebiets Denkendorfs mehr belastet werden. Die Änderungen berücksichtigen außerdem nicht die bereits vorhandene Belastung durch andere Verkehrsträger. Die Gemeinde wird auch durch Autobahnlärm und den zu erwartenden Lärm durch die künftigen ICE Trasse von Stuttgart nach Ulm belastet. Der Tunnel der künftigen ICE Trasse führt über die Gemarkung von Denkendorf. Somit schafft die Flugroutenänderung nur weitere Belastung in einem bereits sehr stark betroffenen Bereich. Nicht berücksichtigt in den Berechnungen sieht er zudem mögliche Reflektionen. „Wir wissen, was Fluglärm ist, wir leben durch die direkte Nähe zum Flughafen täglich damit“, kommentierte der Verwaltungschef das Vorhaben weiter. Er plädierte deshalb auf die Ablehnung des Vorhabens und ergänzt, dass noch in der Beschlussvorlage im Ratsinformationssystem von einer anderen Haltung der Verwaltung ausgegangen wurde. In der Zeit zwischen Versand der Gemeinderatsunterlagen und der Sitzung hätten sich aber viele neue Erkenntnisse ergeben, die die Verwaltung zu einer neuen Haltung führten. „Wir wollen nicht am Ende noch mehr vom Lärm geplagte Denkendorferinnen und Denkendorfer sowie keine direkten Überflüge in so geringer Höhe, damit Airlines günstiger oder wirtschaftlicher fliegen können“, beendete der Verwaltungschef seine Stellungnahme und Begründung der ablehnenden Haltung.

Fraktionen lehnen geänderte Flugroute ebenso einstimmig ab

Fraktionsvorsitzender Frank Obergöker der Freien Wähler Vereinigung betont in seiner Stellungnahme die Beeinträchtigung für die Gesundheit durch die Lärmbelastung. „Denkendorf ist und bleibt von Lärm geplagt“, so Obergöker. Er spricht sich dagegen aus, neue Betroffenheit im Sinne einer Teilbevölkerung zu schaffen. So würde man die Menschen nur gegeneinander aufspielen, hieß es in seiner Rede weiter. Auch SPD-Fraktionsvorsitzende Barbara Fröhlich vertritt die Meinung. Durch die neue Route würde eine Lärmbelastung auf das Unterdorf zukommen, die so nicht mehr vertretbar sei. Sie lehne den Vorschlag daher ebenfalls im Namen der Fraktion ab. Der CDU-Fraktionsvorsitzende Peter Nester schloss sich ebenso an und appellierte: „Der Lärmschutz muss im Vordergrund stehen.“ Er zweifelte zudem die Berechnungen aufgrund einer externen Expertenmeinung an und unterstrich die Bedeutung des Naherholungs- und Naturschutzgebiets Sauhag für die Kommune.

Lufthansa und Eurowings wollen neue Flugroute

Die Fluglärmkommission Stuttgart hat sich in ihrer Sitzung Ende Juli abermals mit einer neuen Abflugvariante vom Flughafen Stuttgart aus in Richtung Süden befasst. Die Fluggesellschaften Lufthansa und Eurowings schlagen vor, gezielt Räume mit einer hohen Bevölkerungsdichte etwas zu umfliegen. Mit einem, bedingt durch einen engeren Kurvenradius, steileren Abflugwinkel würden laut deren Aussagen weniger Menschen in der Region durch Fluglärm belastet. In Denkendorf, Köngen, Wolfschlugen und Nürtingen gäbe es dadurch einige Bereiche, die neu belastet würden, allerdings andere Teile etwa im Neckartal oder in Ostfildern, die von der geänderten Abflugvariante profitieren würden. Bei der Bewertung und Argumentation spielte neben der Fluglärmfrage auch der Klimaschutz eine entscheidende Rolle. Mit der neuen Abflugroute könnten bis zu 200 Kilogramm CO2 pro Flug eingespart werden. Die Experten der Luftfahrtunternehmen gehen davon aus, dass das neue Verfahren bei bis zu drei Abflügen pro Stunde angewendet werden könnte. Über die neue Flugroute und einen möglichen Probelauf wird in der Fluglärmkommission am 2. November 2021 in nicht öffentlicher Sitzung entschieden.

Auswirkungen auf Denkendorf

Denkendorf hat als einzige Kommune Vor- und Nachteile durch das Vorhaben. Durch weniger überfliegende Flugzeuge würde der Fluglärm in Oberdorf laut Berechnungen von Lufthansa und Eurowings leicht zurückgehen, aber keinesfalls wegfallen. Der Lärm würde sich zusätzlich auf das Unterdorf verlagern in Form einer deutlichen Mehrbelastung. Der Fluglärm ist ein andauerndes Problem in Denkendorf. Die geplanten Änderungen der Flugroute würden nicht dazu führen, dass über dem Oberdorf keine Flugzeuge mehr starten oder landen. So würde die neue Abflugvariante nur bei startenden Flugzeugen Anwendung finden und zudem nur bei solchen, die technisch auch in der Lage sind, deutlich schneller aufzusteigen als größere und schwerere Flugzeuge. Die Flugroute würde zudem auf das Naturschutzgebiet Sauhag verschoben werden und damit unter anderem Flora und Fauna belasten. Die Einhaltung der Route soll durch ein neues GPS-System ermöglicht werden.

Fluglärmkommission

Der Fluglärmkommission gehören 15 stimmberechtigte Mitglieder an. Dazu gehört unter anderem die Gemeinde Denkendorf. Zu den weiteren Mitgliedern gehören die Städte und Gemeinden Filderstadt, Esslingen, Ostfildern, Leinfelden-Echterdingen, Steinenbronn, Neuhausen, Schönaich und Stuttgart sowie die Flughafen Stuttgart GmbH, die Industrie- und Handelskammer der Region Stuttgart, die US-Streitkräfte in Baden-Württemberg, die Bundesvereinigung gegen Fluglärm, die Luftfahrtunternehmen und das Verkehrsministerium. Weitere Kommunen sind nicht stimmberechtigt.

Die Aufgabe der Fluglärmkommission ist es, die Flughafengenehmigungsbehörde sowie die Flugsicherung beim Schutz gegen Fluglärm zu beraten. Die Kommission wird bei der Festlegung von Flugrouten oder -verfahren beteiligt. Sollte sich die Fluglärmkommission für die Flugroutenänderung am 2. November entscheiden, erfolgt der Genehmigungsprozess durch weitere Ämter und Behörden. Wenn dieser Prozess durchlaufen ist, könnte die neue Flugroute schon im August 2022 genutzt werden. Denkendorf wird am 2. November gegen die neue Flugroute stimmen. „Wir hoffen, dass sich die anderen stimmberechtigten Mitglieder der Fluglärmkommission uns solidarisch oder weil sie selbst betroffen sind anschließen“, so Bürgermeister Ralf Barth im Rahmen der Gemeinderatssitzung. Es wird dafür geworben werden, den Vorschlag ebenfalls abzulehnen.